- Kunstraum St. Marien

Pieta von Hein Minkenberg

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Geschichte: Der 1889 in Heinsberg geborene Bildhauer Hein Minkenberg hatte zunächst eine Bildschnitzerlehre (1905) absolviert, dann in einer Steinmetzwerkstatt seines Bruders Gerhard gearbeitet. Ab 1922 entstanden erste Arbeiten aus Holz, Ton und Stein. So auch 1924 die Pieta, die Dechant Karl Brucherseifer 1928 für die von ihm initiierte Kriegergedächtniskapelle an der Ostseite des nördlichen Querschiffes (jetzt Fatima - Kapelle) erwarb. Hier schmückte sie den Altar. Aus den Trümmern der durch Bombenangriffe zerstörten Kapelle konnte die Pieta und das ebenfalls von Hein Minkenberg geschaffene Relief „Kreuztragender Christus“ (Folge 1) fast unbeschädigt gerettet werden. Die Pieta steht nach einer Restaurierung in der nördlichen Turmhalle, die beim Wiederaufbau der Marienkirche nach dem Zweiten Weltkrieg, zu einer Kapelle umgebaut wurde.
Nach dem gewaltigen Umbruch, den der Erste Weltkrieg auch im künstlerischen Bereich zur Folge hatte, erregte seine moderne Darstellungsweise bei den Zeitgenossen nicht nur Aufsehen, sondern herbe Kritik, besonders im kirchlichen Bereich. Sein damals moderner Stil erschließt sich nicht sofort, sondern bedarf der erläuternden Blickführung.

Beschreibung: In bewusster Abkehr von der traditionellen Gestaltung des Pieta - Motivs, z. B. die Pieta von Michelangelo in der Peterskirche in Rom, hat Minkenberg beide Gestalten - Maria und Christus - senkrecht dargestellt. Kniend umfängt Maria den toten Sohn, der selbst wiederum wie lebend in einer hockenden Stellung zu verharren scheint. In dieser Komposition wird eine besonders innige Nähe zwischen Mutter und Sohn spürbar. Die Gesichtszüge von Maria sind die Gesichtszüge von Minkenbergs 1912 verstorbener Mutter.
Verstärkt wird dieser Eindruck einer sehr innigen Mutter - Sohn Beziehung noch durch die Bewegungen der Arme und Hände Mariens. Es sind die Hände der Mutter, deren Funktion des Schützens und Bergens auch gegenüber dem toten Sohn nicht verändert ist. Auch die Bewegung der mütterlichen Arme folgen der gleichen Sinnrichtung: starr vor Schmerz und Entsetzen über das Leid, das man ihrem Sohn zugefügt hat, folgt sie dem mütterlichen Instinkt: sie birgt ihren Sohn am ihrem Herzen.

Deutung: Hein Minkenberg will in seiner Pieta-Komposition die leidende Mutter fassbar machen. Denn die tiefe Verbundenheit zwischen Mutter und totem Sohn hatten viele Mütter im Ersten Weltkrieg erlebt. Trotz des übermächtigen Schmerzes bricht Maria nicht zusammen, sondern die Haltung der Knienden wirkt kraftvoll.
Anders als die mehr im Schmerz versunkene Pieta, die Hein Minkenberg nach dem plötzlichen Tod seiner Frau 1957 aus einem Sandsteinblock meißelte und seiner Tochter, der Schwester Katharina Maria vom Schwesternorden „Töchter vom heiligen Kreuz“ in Aspen, schenkte. Da das Kloster Immerath wegen des Braunkohleabbaus aufgegeben werden musste, haben der Orden und Minkenbergs Tochter entschieden, diese Pieta nach Büttgen zu geben, dem langjährigen Wohnsitz von Hein Minkenberg. Dort steht sie neben der St. Aldegundis - Kirche.
Die 1924 für die Neusser St. Marien - Kirche geschaffene Pieta zeigt dagegen einen viel lebendigeren und kraftvolleren Ausdruck. Wie Maria bei der Verkündigung durch ihr Jawort („Ich bin die Magd des Herrn. Mir geschehe, wie du gesagt hast“ Luk. 1,38) den göttlichen Erlösungsplan in Gang gesetzt hat, so ordnet sie sich jetzt ihm unter im sühnenden Mitvollzug des Leidens Christi.
Bei aller Intensität des Schmerzes, die in dieser Pieta fassbar wird, richtet Maria ihre Augen nicht auf den toten Sohn, sondern im Ausdruck großer Hoffnung über die Zeit hinweg in die Ewigkeit. Ähnlich auch die Sicht Goethes im „Faust“, als Gretchen vor dem Andachtsbild der Mater dolorosa betet:
Ach neige,
Du Schmerzensreiche,
Dein Antlitz gnädig meiner Not!
Das Schwert im Herzen,
Mit tausend Schmerzen,
Blickst auf zu deines Sohnes Tod.
Zum Vater blickst du,
Und Seufzer schickst du
Hinauf um sein’ und deine Not.

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