- Kunstraum St. Marien

Marienfigur im Chorraum der Kirche

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Im Zweiten Weltkrieg war die neugotische St. Marienkirche von 1902 durch Bombenangriffe von 1942 und 1944 bis auf die Außenmauern zerstört worden. Nach dem Kriege ging der Wiederaufbau so zügig voran, dass die Pfarrgemeinde schon am 2. Juli 1950, dem Fest Maria Heimsuchung, in Anwesenheit von Kardinal Frings wieder in die Marienkirche einziehen konnte. Einige Wochen später, genau am 22. August 1950, erschien in der „Rheinischen Post“ ein Artikel mit dem Titel „Marienaltar im Festschmuck“. Darin wird zum ersten Mal die Marienfigur im Chorraum der Kirche als eine Kopie der gotischen Chorpfeilermadonna des Kölner Doms erwähnt, ohne dass erläutert wird, wie diese Statue in die Marienkirche gekommen ist.

Geschichte

Da das Pfarrarchiv von St. Marien auch keinen Hinweis über die Herkunft gibt, habe ich den früheren Rendanten, Herrn Werner Esser, gebeten, diese Frage bei seinen regelmäßigen Besuchen im Trappistenkloster „Mariawald“ in der Eifel mit dem jetzt dort lebenden fünfundachtzigjährigen Altabt Klaus Jansen zu besprechen, der unter dem bürgerlichen Namen Heinz Jansen von 1949 bis 1956 Küster der Marienkirche war.

Demnach hatte der Dombaumeister Willi Weyres, der beim Wiederaufbau der Marienkirche den Hochchor durch eine Arkadenwand von der Apsis abgetrennt hatte, die großartige Idee, eine Gipskopie der Chorpfeilermadonna des Kölner Doms in dieser neu geschaffenen Marienkapelle aufzustellen. Nach Mitteilung des Kölner Dombauarchivs waren im 19. Jahrhundert von allen Chorpfeilerfiguren Gipsmodelle hergestellt worden, die in einem Turmraum des Kölner Doms lagerten. Die im Pfarrgebiet ansässige Firma Derstappen hatte sich bereit erklärt, den Transport dieses Gipsabgusses von Köln nach Neuss zu übernehmen. Der Abguss war hohl. Daher hat der Küster Heinz Jansen ihn zunächst mit „Leben“ gefüllt und farblich gefasst, so dass eine Skulptur daraus wurde. Die Farbgebung der Madonna, der Mond und der Kerzenkranz wurden von Küster Jansen persönlich gefertigt. Alle Gegenstände, die zur Aufstellung der Madonna verwendet wurden, waren Gegenstände, die aus den Trümmern der zerstörten Marienkirche stammten:
  • Der Fuß der Säule war die Basis der zerstörten Kanzel.
  • Die Säule war eine der Säulen, die die frühere Empore stützten.
  • Der Abschluss, die „Kreuzblume“, stammt von dem zerstörten Turm.

Beschreibung
Die Marienfigur hat eine schlanke Gestalt von längs-ovalem Umriss. Der Blick von vorne zeigt einen durchgebogenen Körper mit einem D-förmigen Gesamtumriss. Er besteht aus dem lotrechten Figurenumriss der Spielbeinseite und aus der bogenförmigen Körper-/Gewandkontur der Standbeinseite. Man erahnt ein herausgedrücktes rechtes Knie und eine nach vorn heraus gebogene Hüfte, die sich mächtig gegen den Stoff wölbt, der ein langes Standbein verhüllt. Das sichtbare rechte Bein ist das vom Körpergewicht entlastete Spielbein. Es reagiert mit der Knieanwinkelung und dem kokett aufgesetzten Fuß konsequent auf die Hüftbewegung nach links. Auf das Spielbein verweist auch das wie natürlich wirkende Herabfallen der großen Schüsselfalten von dem schmalen, im Übrigen ja völlig verhüllten Spielbeinoberschenkel.

Der Oberkörper bewegt sich entspannt nach hinten und befindet sich schräg hinter dem rechten Fuß. Daher wird er bei der Kopfbewegung nach links kaum mit gewendet. Der Kopf der Marienfigur weist einen ovalen Umriss auf, Maria hat einen wachen Blick, hat die Augenbrauen hochgezogen und lächelt leise. Unter der straffen weichen Haut zeichnen sich die hohe viereckige Stirn, die breiten Wangenknochen und die Kinnlade deutlich ab. Aus der Frontalen wirkt das jugendliche Gesicht breiter, bei der Profilansicht geben die kräftigen Knochenpartien, die spitze Nase und die hochgezogenen Brauen einen scharfen Umriss.
Die Marienfigur schwingt seitwärts und wendet den Kopf vom Spielbein weg nach links und zieht den Mantel in paralleler Richtung um sich herum.

Das Gewandsystem besteht aus einem roten Untergewand, einem blauen an den Rändern verzierten Mantel und einem beigefarbigen Kopftuch. Die gesamte Gewandführung ist ein reiches Gebilde vieler, z. T. gegenläufiger Schwingungen. Auf der rechten Seite hängt das Kopftuch senkrecht herab in kleinen rieselnden Falten, ein Kompositionselement, das im Sinne eines Kontrapost in dem vom linken Unterarm herabfallenden Faltensturz sein Gegengewicht findet. Die Verbindung gibt die breite Faltenlage des quer über den Körper genommenen Mantels, dessen Schüsselfalten in kurvigen Schwingungen von der rechten Schulter zur linken Hüfte hinüber gleiten. Sie finden ihr Gegengewicht in der zum rechten Fuß herab laufenden großen Diagonalfalte. Der offenen Form oben rechts entspricht die offene Form des dunklen Schattenlochs unten links unter dem rechten Unterarm.

Für die Gesamtkomposition der Marienfigur ist auffallend der Reichtum an Faltenfülle und ihre Wechselwirkung zwischen dem Körper und dem Gewand. Über dem belasteten Standbein konzentrieren sich die leicht gestrafften Röhren- und Diagonalfalten, die einerseits wie Stützen wirken, andererseits wie der Körper schwingen. Der linke Arm, der den Mantel trägt, liegt dicht am Körper.

Auf der Seite des entlasteten Spielbeines, das auch noch von der vorderen und hinteren Diagonalfalte flankiert wird, fallen die großen Schüsselfalten frei schwingend herab. Folgerichtig greift der rechte Arm frei vor den Körper. Auffallend ist auch die gegenläufige Komposition der Schüsselfalten, zunächst die drei großen Schüsselfalten auf Hüfthöhe. Die obere hüpft beim Mantelraffen und beim Schwung mit dem Oberkörper nach links, die beiden anderen rutschen und schwingen an der schräg gestellten Hüfte nach rechts. Sie vermitteln zwischen der Kopfwendung, die durch das Kopftuch plastisch verstärkt wird und nach links weist, und dem Spielbein, das seinerseits von der umgebenden schüsselfaltenartigen Gewandseite plastisch verstärkt wird und nach rechts weist.

Der Figurenumriss führt den Betrachterblick direkt zu den Zentren der Gestik. Das entscheidende Empfindungszentrum wird durch das Faltenoval aus Kopftuch und oberster Schüsselfalte begrenzt. Hier öffnet sich die Figur, während sonst die Fülle des Gewandes dominiert. Der Leib und die Brust der Marienfigur wölben sich. Mit der linken Hand, die mit ihrer Last dicht am Körper liegt, greift sie sich vor die Brust und klemmt den empor gerafften Mantel fest. In der linken Armbeuge schmückt sie ein rosenartiger Mantelbausch. Die linke Hand vor der Brust ist geschlossen, das Handgelenk ist angewinkelt und mit drei Fingern berührt sie das Kopftuch.

Die hüfthoch gehaltene rechte Hand der Marienfigur befindet sich vor dem Körper. Sie wird genau im lotrechten Figurenumriss gehalten. Sie ist geöffnet und durchgedrückt. Die Finger legen sich im zweiten Glied und vom kleinsten an aufgefächert um ein Buch herum, dem der Daumen die seitliche Stütze ist. Entfernte man das Buch Mariens, wirkte die Hand wie eine geöffnete Schale. Diese Hand ist wie die gesamte Figur aktiv.

Deutung
Für die Gesamtkomposition der Marienfigur und ihre Deutung ist wichtig, dass sie Teil eines Ensembles von 14 Chorpfeilerfiguren des Kölner Doms ist: Kurz nach der Grundsteinlegung des Kölner Doms im Jahre 1248 hatten Kölner Bildhauer in den Jahren 1270 bis 1280 für die Pfeiler des Domchores 14 Statuen von Christus, Maria und den 12 Aposteln geschaffen. Maria steht in der Spitze des Chores völlig gleichgeordnet auf dem Ehrenplatz rechts von Christus. Daher auch ihre Kopfbewegung nach links. Auch Christus wendet sich ihr nach rechts zu und segnet Maria mit der rechten Hand, während er in der abgewandten linken Hand eine Weltkugel trägt.

In der Kunstwissenschaft hat man diese beiden einander zugewandten Figuren verschieden gedeutet. Renate Kroos deutete den Inhalt des Figurenensembles als „Krönung Mariens“, da Christus ursprünglich in seiner linken Hand an Stelle einer Weltkugel, die wie die Hand später erneuert worden ist, auch eine Krone getragen haben könne. Doch bei einem Pfeilerabstand von 4,50m fehlt die unmittelbare Nähe der Maria zu Christus, ohne die kein Krönungsakt erfolgen kann. Auch wäre die Krone, der zentrale Faktor der Marienkrönung, ganz an den Rand des Geschehens auf der von Maria abgewandten Seite gestellt.

Dombaumeister Willi Weyres schlug mit Verweis auf die Apokalypsedarstellung am südlichen Westportal von Reims vor, die Segnung Mariens mit der Hochzeit des Lamms, d. h. mit der des Hl. Jerusalems zu verbinden gemäß Apokalypse 19,7; 21,2; 21,9. Christus segnet Maria und bestimmt damit nichts anderes als Mariens zukünftige Brautschaft an der Seite des Herrn. Maria schaut bei ihrer Kopfwendung nach links freudig überrascht zu Christus. In der schalenförmigen linken Hand, die das Kopftuch mit drei Fingern feinfühlig berührt, nimmt Maria die Segnung durch Christus über ihrem Herzen auf. Dies ist der Kern ihres Zwiegespräches. Außerdem antwortet sie Christus, indem sie mit der geöffneten rechten Hand ihr Buch – entsprechend zentral in der Lotachse exponiert – Christus als Spiegel der Gewissheit über ihr Schicksal als Braut an der Seite des Herrn entgegenhält.
Diese Deutung der Kölner Segnungsszene als Hochzeit des Lamms mit der Kirche, die nach der Apokalypseexegese durch Christus und Maria verkörpert werden, wird heute in der Kunstgeschichte weitgehend akzeptiert.

Benutzte Literatur
Bernd Wedemeyer, Die Pfeilerfiguren des Kölner Domchores und ihr stilgeschichtliches Verhältnis zu Reims, Braunschweiger kunstgeschichtliche Arbeiten, Bd. 1, Braunschweig 1990

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