- 75 Jahre Barbara-Kirche

Am 1. Adventssonntag, dem 30. November 2008, feierte der Kölner Generalvikar Dr. Dominik Schwaderlapp eine Festmesse in der Neusser St. Barbara-Kirche. Anlass für diesen hohen Besuch aus Köln war, dass vor 75 Jahren, die St. Barbara-Kirche von dem Kölner Weihbischof Dr. Joseph Hammels eingeweiht worden ist. Die Barbara-Kirche war in Neuss der erste Sakral-Neubau seit der Weihe der Hl. Dreikönigen-Kirche 1911 und der letzte vor dem Zweiten Weltkrieg.

Die eigentliche Industrialisierung setzte in Neuss in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts mit dem Ausbau des Erftkanals zu einem Hafen ein, in der zweiten Hälfte kamen als neue Verkehrwege die Eisenbahnstrecken hinzu: 1853 die Strecke Neuss – Oberkassel, 1856 die Strecke Neuss – Krefeld und 1870 nach dem Bau der Rheinbrücke die Strecke Neuss – Düsseldorf. Als dann 1899 – 1911 die Fernstrecken im Stadtbereich auf Dämme höher gelegt wurden, entstand ein durch Dämme und Bahnhöfe und dem Hafen ziemlich eingeengtes Gebiet, in dem sich Industriebetriebe ansiedelten und das nur zwei Zugänge hatte: die Düsseldorfer Straße und die heutigen Büdericher- / Xantener Straße. Der 1905 gebaute Schlachthof gab diesem Gebiet den Namen „Schlachthof-Viertel“. Der Neusser Gemeinnützige Bauverein, die Neusser Arbeiter-Wohnungsgenossenschaft und die Industrieunternehmen bauten in diesem Viertel Häuser und Wohnungen für die Bediensteten von Stadt und Eisenbahn und die Arbeiter der umliegenden Fabriken.

Die seelsorgliche Betreuung der bis in die 20er Jahre auf etwa 2.500 Einwohner angewachsenen Bevölkerung in diesem unorganisch gewachsenen und sozial heterogenen Viertel, zu dem 1930 auch noch die Siedlung Zoppenbroich kam, oblag der ziemlich weit entfernt liegenden Pfarre St. Marien, deren 17.000 Seelen von Pfarrer Karl Brucherseifer und vier Kaplänen betreut wurden. 1924 konnte in einer Holzbaracke, die die Fassgroßhandlung Friedrich Bünger geschenkt hatte, eine Notkirche errichtet werden. Als Patronat für den Bezirk und die Kapelle wurde die hl. Barbara gewählt, die Patronin der Sterbenden und Schutzherrin der Bergleute und Artilleristen. Denn wie auf dem Plan von Braun–Hogenberg von 1586 und der Tranchot–Karte aus der französischen Zeit zu sehen ist, stand in diesem Bereich ein Leprosen- oder Siechenhaus mit einer St. Barbara-Kapelle.

Der Bevölkerungsanstieg in den 20er Jahren durch Zuzug neuer Bewohner und die schwierigen seelsorglichen Verhältnisse auf Grund der sozialen Struktur der häufig kirchenfernen Bewohner ließ bald die Erkenntnis reifen, dass dieses Viertel nicht nebenher mitbetreut werden konnte. Da auch die Notkirche für die manchmal 400 Gläubigen bei einzelnen Gottesdiensten nicht ausreichte, stellte der Kirchenvorstand von St. Marien die Pläne für eine im Norden des Pfarrgebietes vorgesehene Herz-Jesu-Kirche (heutige Christ-König-Kirche) zurück und plante eine neue größere St. Barbara-Kirche. Eine Schenkung von 50.000 Mark der Familie Werhahn wurde zum Grundstock für diesen Kirchenneubau. Bei einer Pfarrversammlung im Marienhaus am 2. Juni 1932 wurde ein Kirchbauverein unter Vorsitz von Theodor Richartz gegründet. Die Kirchengemeinde St. Marien nahm eine Anleihe von 30.000 Mark auf und erwarb von den Erben Lonnes für 7000 Mark ein Grundstück an der Blücherstraße. Der Düsseldorfer Architekt Hermann Schagen fertigte die Baupläne, wobei mit Rücksicht auf die zur Verfügung stehenden Mitteln der Turm nicht ausgeführt werden sollte. Am 25. August 1932 wurde der 1. Spatenstich getätigt. Für die Neusser Baufirma Gebrüder Holthausen war der Neubau eine willkommene Arbeitsbeschaffungsmaßnahme. Am Barbaratag, dem 4. Dezember 1932, war die Grundsteinlegung. In der Rekordzeit von 10 Monaten wurden die Kirche und das zugehörige Pfarrhaus gebaut.

Am Donnerstag, den 13. Juli 1933, wurden in feierlicher Prozession die Reliquien der Heiligen Amantius und Innocentia von der Notkirche in die neue Kirche übertragen, wo der Kölner Weihbischof Dr. Joseph Hammels die Konsekration vornahm. Das Festhochamt leitete der seit 30. April 1933 neue Pfarrer von St. Marien, Adolf Colling, im Beisein vieler Ehrengäste aus Stadt und Kreis.

Mit seiner geometrisch klaren Architektur ist die St. Barbarakirche ein Denkmal der schweren Zeit am Ende der Weimarer Republik. Vor dem Langhaus steht ein Querhaus, das mit gesintertem Backstein verblendet ist. Über dem Portal ist ein großes Sgraffito der hl. Barbara angebracht. Das dreischiffige basilikaähnliche Mittelschiff überragt die Seitenschiffe beträchtlich und wird von einer flachen Balkendecke abgeschlossen. Sechs Rundbogenfenster im Obergaden geben dem Mittelschiff Licht. Heute steht die Barbarakirche als einziger Sakralbau seiner Art in der Stadt Neuss unter Denkmalschutz.

Der Pfarrgemeinde von St. Quirin schenkte der neuen Kirche ein Freskogemälde an der Chorwand, mit dessen Ausführung sie den Kölner Kunstmaler Peter Hecker beauftragte. 1934 war dieses Gemälde vollendet. Es stellt im Stil eines mittelalterlichen Gnadenstuhls die hl. Dreifaltigkeit in die Mitte, an beiden Seiten begleitet von der Gottesmutter Maria als Patronin der Mutterpfarrei und dem hl. Quirinus als Patron der schenkenden Gemeinde.

Am 30. Juli 1933 wurde Heinrich Lennartz als erster Pfarrrektor in St. Barbara eingeführt. Die Bezeichnung Pfarrrektor bedeutete, dass die neu gegründete Gemeinde nicht vollständig selbständig war. Das Vermögens-, Bau- und Finanzwesen blieb der Mutterpfarrei St. Marien unterstellt. Heinrich Lennartz’s Rektoratszeit bis 1938 war eine schwierige Zeit. Trotz der Zusicherungen des Konkordates zwischen dem Vatikan und dem Deutschen Reich wurde die seelsorgliche Arbeit aus politischen Gründen gehemmt. Auch die vorwiegend industriell geprägten Bewohner des „Schlachthof-Viertels“ hatten vielfach Vorbehalte gegen Kirche und Seelsorge.

Die Zeit des zweiten Pfarrrektors Heinrich Leenders (1938 – 1946) war durch die Kriegszeit bestimmt. Da die alliierten Bombenangriffe besonders die Industrie- und die Eisenbahnanlagen zum Ziel hatten, waren hier die Zerstörungen besonders groß. Wie ein kleines Wunder wurde die Barbarakirche nur leicht beschädigt. Ende 1944 lebten nur noch 150 Einwohner in diesem Viertel.

Der dritte Pfarrrektor Stephan Vierkotten (1946 – 1950) hatte es mit der großen Not der Nachkriegsjahre zu tun. Bevor am 30. Mai 1946 die Erstkommunion gefeiert wurde, hatte er für jede Familie mit einem Kommunionkind in den umliegenden Bauerdörfern 20 Pfund Kartoffeln, 2 bis 3 Brote, Mehl, Eier, Puddingpulver und jeweils ein Paar Schuhe „geköttet“. 1947 übernahm eine englische katholische Pfarre in Birmingham die Patenschaft für die notleidende St. Barbara-Gemeinde.

Unter dem Pfarrrektor Augustinus Heinrich (1950 – 1955) wurde die Pfarre St. Barbara 1952 eine voll selbständige Pfarre. Er selbst wechselte 1955 als erster Pfarrer in die neu gegründete Christ- König-Pfarre auf der Neusser Furth.

Da sich schon der Priestermangel abzeichnete, ernannte der Kölner Erzbischof als Nachfolger Pater Heinrich Lepper (1956 – 1963) von den Herz- Jesu-Missionaren in Hiltrup i. W., die in Verbindung mit dem Abendgymnasium in Neuss ein Studienheim errichteten. 1957 wurde der neungeschossige Turm mit 31m Höhe gebaut.

Der nachfolgende Pfarrer Pater Maximilian Kaiser (1963 – 1985) konnte bei der Stadtverwaltung durchsetzen, dass das bisherige „Schlachthof-Viertel“ in „Barbara-Viertel“ umbenannt wurde.

Als am 1. Juli 1993 Pater Josef Schönherr (1985 – 1993) in den Ruhestand trat, wurde der Pfarrer von St. Marien, Wilfried Korfmacher, gleichzeitig auch Pfarrer der Barbaragemeinde. Im Zuge der strukturellen Neuordnungen wurde St. Barbara zum 1. Januar 2004 in die Mutterpfarrei St. Marien zurückgeführt.