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Prediger für Augenmenschen

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Foto: NGZ, Andreas Woitschützke
Foto: NGZ, Andreas Woitschützke

Diakon Rolf Maier hält Gottesdienste für Gehörlose in Neuss, Bonn und Euskirchen in Gebärdensprache. An jedem zweiten Samstag im Monat herrscht Stille in der Krypta von St. Marien.

Wenn Diakon Rolf Maier seinen monatlichen Gottesdienst für Gehörlose in der Krypta von St. Marien abhält, ist das eine sehr stille Angelegenheit. Keine Orgel, kein Gesang, keine gemeinsam gesprochenen Verse: Der 73-Jährige übermittelt Bibeltexte und Gebete in Gebärdensprache – für Menschen, die nur mit den Augen verstehen können. "Augenmenschen" eben.

"Die Liturgie ist etwas vereinfacht. Denn man muss wissen, dass es Worte gibt, die der Gehörlose noch nie gehört hat", sagt er. So müssen Begriffe wie Huld, das Flehen oder das Harren in mehreren Sätzen erklärt werden – oder werden ganz weggelassen.

"Im Gottesdienst für Gehörlose verwende ich am besten einfache Sätze, komplizierte Konstruktionen sind in Gebärdensprache schlecht zu verstehen. Ich fasse die Bibelstellen immer mit eigenen Worten zusammen und bringe es in dem Wortschatz, der dem Gehörlosen zur Verfügung steht." Seine Stimme benutze Maier aber zusätzlich, weil immer auch einige hörende Besucher dabei seien.

Zweijährige Zusatzausbildung

Der Weg zur Gehörlosenseelsorge war für den Diakon eine logische Konsequenz seines Lebensweges. Mehr als 40 Jahre lang war er im Schuldienst tätig, unterrichtete zunächst an der Volksschule und später an einer Schule für Gehörlose in Köln. Zuletzt war er Schulleiter einer Euskirchener Schule für Gehörlose mit Zusatzbehinderung. "Früher war Gebärdensprache verboten, die Kinder sollten lernen, das Mundbild zu achten und von den Lippen zu lesen", sagt Maier.

Gemeinsam mit zwei Kollegen nahm er privat Unterricht bei einer gehörlosen Frau. Es folgte eine zweijährige Zusatzausbildung. Durch seine Erfahrungen weiß Maier auch, welche Auswirkungen die Hörbehinderung auf Menschen haben kann. "Lehrer war für mich der Beruf meines Lebens. Und auch meine Tätigkeit als Diakon, die ich seit 1978 ausübe, füllt mich sehr aus", sagt er. So lange kennen ihn auch die Besucher des Gehörlosengottesdienstes.