Aktuelles

Ein glanzvoller Händel

NGZ online, 19.11.2007
Die wegen ihrer besonderen Güte mittlerweile berühmte Konzertreihe „Abendmusik in St. Marien“ ging mit einer glänzenden Aufführung des Oratoriums „Messias“ von Georg Friedrich Händel weit über den üblichen Rahmen hinaus.

In drei Teilen betrachtet Händel mit wunderbaren melodischen Eingebungen die Geburt Christi, seine Leiden und seine Auferstehung, um im letzten Teil allen Sterbenden die Verwandlung zur Unsterblichkeit zu versprechen. Gewaltige Chöre, die ausgiebig Gelegenheit zu dramatischer Gestaltung geben, aber auch in inniger Betrachtung majestätische Würde behalten, machen den „Messias“ zu einem ausgesprochenen Chororatorium.

Für die auf zweiundeinhalb Stunden sinnvoll gekürzte Fassung hatte sich der Marienchor mit dem „Junger Chor der Stadt Kaarst“ (Leitung: Hans-Michael Dücker) enorm verstärkt, ein in nahezu allen Belangen glänzender Klangkörper war das begeisternde Ergebnis dieser Zusammenarbeit. Mit dem immer strahlenden Sopran korrespondierte ein kräftiger, aber immer geschmeidiger Alt.

Die Männerstimmen, rein zahlenmäßig scheinbar hoffnungslos unterrepräsentiert, blieben immer transparent und trugen zur stimmigen Homogenität bei. Dass in der Fuge „Wir suchten jeder seinen eigenen Weg“ Tenor und Bass nicht so ausgeprägt virtuos wirkten wie die Frauenstimmen, ließen sie mit dem makellosen Einsatz zu der verklärenden, gleichsam komplizierten Schlussfuge vergessen.

Marienkantor Stefan Palm hatte die Gesamtleitung und nutzte das Sängerpotenzial voll aus, sorgte für frische Tempi bis hin zu mitreißendem Schwung im berühmten „Halleluja“-Chor am Ende des zweiten Teils.

In nur 24 Tagen hat Georg Händel sein Oratorium geschrieben. Anlass dafür war
eine Einladung nach Dublin, wo der „Messias“ auch im April 1742 uraufgeführt
wurde. Das Libretto stammt von Charles Jennens. Der „Messias“ hat einen englischen Text, den Marienkantor Stefan Palm auch für das Ideal hält, „weil Händel Text und Musik optimal miteinander verbindet“. Alle verfügbaren Übersetzungen in die deutsche Sprache hingegen seien problematisch, sagt Palm, „so dass wir versucht haben, daraus eine eigene sinnvollere Fassung zu erarbeiten“.

Für die rechte Stimmung des Oratoriums aber sorgt zunächst das nach der Ouvertüre einsetzende Accompagnato-Rezitativ des Solotenors, „Weine nicht, mein Volk!“ Wie Josef Protschka dies mit ergreifender Crescendowirkung forderte, ließ viel erwarten. Er blieb der Glanzpunkt des Solistenquartetts während der kompletten Aufführung. „Da war auch nicht einer, zu trösten ihn“ variierte er so intim, dass es Mark und Bein der vielen Zuhörer in der Marienkirche erweichen musste.

Seiner auch deklamatorischen Stärke am nächsten kam die Altistin Christine Wehler, die mit großer, technisch sehr ausgereifter Stimme vor allem die Arie „Er ward verschmähet“ zu überzeugender Inbrunst führte. Christian Palms schönem Bariton fehlte ein wenig die Tiefe, Irmelin Sloman spendete mit ihrem Sopran lichte Linien, ohne jedoch jederzeit komplex und textverständlich den großen Kirchenraum zu füllen.

Das erlesen zusammengesuchte Orchester mit Florian Deuter als Kapellmeister, der auch in feinem Violinsolo die Sopran-Arie „Wenn Gott für uns ist“ begleitete, spielte in Hochform, einige wenige Tempi-Irritationen in Stefan Palms Dirigat exzellent ausgleichend, die Bläser in der auf Streicher und Cembalo konzentrierten Orchestermusik nie lärmend.

Der überwältigende Zuspruch in der Marienkirche nach mehr als zwei Stunden glanzvollem Händel aber galt vor allem dem Chor.