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Besuch bei der Königin

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In den Abendstunden Anfang Mai stiegen 20 Frauen aus dem Kreis der kfd - Mitarbeiterinnen im Rahmen ihres Halbjahresausfluges zu einer Orgelführung auf die Empore der Marienkirche. Sie erfuhren, sahen und hörten Erstaunliches. Denn mit Kantor Stefan Palm hatte ein Fachmann die Führung übernommen, der die 1955 erbaute Klais-Orgel nicht nur genial zu spielen versteht, sondern auch ihr „Inneres“ wie seine eigene Westentasche kennt.

Das Wort Orgel kommt aus dem Griechischen und bedeutet schlicht „Werkzeug“. Es ist das älteste Tasteninstrument mit Pfeifen. Die darin stehende Luftsäule wird durch einen Luftstrom zum Schwingen und Klingen gebracht. Im Grunde ist es das gleich einfache Prinzip der Tonbildung wie bei einer Blockflöte. Jedoch umfasst eine Orgel das ganze Reich der Töne und funktioniert über eine aufwendige und komplizierte Technik.

Ein wesentlicher Bestandteil davon ist das Windwerk. Es verdichtet in einem Blasebalg die Luft zu “Wind“ und leitet ihn durch Windkanäle in die Windladen, auf denen die Pfeifen stehen. Dazu kommt das Pfeifenwerk mit den Pfeifen, die in getrennten Reihen (Registern) zusammengefasst sind. Schließlich werden zum Spielen die Tastenreihen für Hände (Manuale) und Füße (Pedale) benötigt. Der Wechsel der Klangfarbe und Klangstärke erfolgt durch die verschiedenen Register, wobei jedes Register aus Pfeifen gleicher Bauart und Klangfarbe besteht. Der unterschiedliche Klang wird erreicht durch die vielfältige Gestaltung der Pfeifen in Bezug auf die Größe und tontechnische Beschaffenheit.

Die Größe einer Orgel wird nach der Zahl der vorhandenen Register bemessen. In unserer Marienkirche sind es 47 mit rund 3000 Pfeifen. Wie bekannt bringt es die größte Domorgel der Welt in Passau auf 229 Register und 18 000 Pfeifen. Dementsprechend erreicht eine Orgelanlage gewaltige Ausmaße. Es wurde uns handgreiflich vor Augen geführt, als Herr Palm auf einer Leiter in die Höhe stieg und von einer Ablage zwei Orgelpfeifen unterschiedlicher Größe herunterholte, eine aus Holz und die andere aus Blei. Einige von uns konnten sie in die Hand nehmen und versuchen, durch Hineinblasen einen Ton zu erzeugen.

Vor der in den Jahren 2007/2008 durchgeführten Reparatur, Erweiterung und Modernisierung der jetzt immerhin 54 Jahre alten Orgel fehlte ein wichtiges Register, das „Vox coelestis“. Deshalb konnten manche Werke von Herrn Palm nicht gespielt werden. Es wurde bei der Restaurierung eingebaut. Weil bei diesem Register immer zwei Pfeifen gleichzeitig klingen, wobei eine etwas höher gestimmt ist, entsteht ein geheimnisvoll schwebender Klang, die „himmlische Stimme“. Finanziert wurde das neue Register über Patenschaften für die 88 Pfeifen. Eine weitere beachtliche Verbesserung wurde durch die in den Spieltisch eingebaute neue Setzeranlage erreicht. Die Anzahl der frei einstellbaren Kombinationen verschiedener Registerzusammenstellungen erhöhte sich so von bisher zwei auf circa 4000.

Natürlich durften bei dieser Besichtigung Hörproben nicht fehlen. Der unterschiedliche Klang der Pfeifen und Register wurde uns von Herrn Palm demonstriert. Er spielte auch die Pfeifen an, für die unsere Frauengemeinschaft die Patenschaft übernommen hat. Als anspruchsvolle Zugabe hörten wir das bekannte Werk von Louis Vierne, das Carillon de Westminster.

Mit seinen Hörbeispielen und den sehr anschaulichen und lebendigen Erläuterungen hat uns Kantor Palm fasziniert. Gern hätten wir noch mehr gehört. Doch leider war die vorgesehene Zeit bereits überschritten. Bereichert mit vielen neuen Erkenntnissen und beeindruckt von den Klangmöglichkeiten nahmen wir nach gut einer Stunde Abschied von der „Königin“. Bei künftigen Gottesdiensten werden wir mit noch größerer Andacht und Ehrfurcht ihren Tönen zur Ehre Gottes und zu unserer Freude lauschen.

Abschließend hatten wir noch die Gelegenheit, in einem nahe gelegenen Restaurant Herrn Palm einmal privat zu erleben. Ein herzliches Dankeschön, dass er die Zeit fand, uns durch den Abend zu begleiten.

von Heidi Lorenz

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